Sieben Gedanken zu… TELE-AUDIOLOGIE

Die Vernetzung von Hörgeräten schreitet immer weiter voran. Bereits seit einiger Zeit ist es möglich, diese mit Smartphones zu koppeln. Die 2.4 gHz Technologie macht es möglich.

Hierdurch kann der Nutzer Einstellungen an seinen Hörgeräten über das Handy vornehmen. Beispielsweise Programmwechsel oder Korrekturen in der Lautstärke.

Bei IOS Geräten ist es zudem möglich, Audiosignale in die Hörgeräte zu übertragen. Und auch für Android gibt es erste, entsprechende Systeme.

Diese neuen, technischen Möglichkeiten sind nicht nur für den Endverbraucher zum Vorteil. Auch für Hörakustiker bieten Hörgerätehersteller neue technische Features, die erst durch die Vernetzung der Systeme möglich werden.

Die Rede ist von Tele-Audiologie. Eine neuartige Möglichkeit für Hörakustiker, gemeinsam mit ihrem Patienten per Internet Veränderungen an den Hörsystemen vorzunehmen.

Bisher habe ich dieses Thema hier nicht beleuchtet. Das möchte ich nun ändern. Da Tele-Audiologie stark polarisiert, bietet sich hierfür die neue hoer-gadgets.de Rubrik sieben Gedanken zu…  an.

In dieser Rubrik möchte ich Themen aus unterschiedlichen Sichtweisen betrachten. Es wird dementsprechend Widersprüche geben. Meine persönliche Meinung versuche ich dabei außen vor zu lassen.

 

Erster Gedanke:

Funktioniert Tele-Audiologie immer nach dem gleichen Prinzip?

Sie heißen Telecare (Signia) oder Assist (GN Resound). Ganz aktuell kommt Remote Support von Phonak hinzu. Für nächstes Jahr hat zudem Starkey Telehealth angekündigt. Die Rede ist von Fern-Support via Smartphone App für Hörgeräteakustiker.

Der Nutzer kann über die App (-Funktion) in direkten Kontakt zu seinem Hörakustiker treten. Und das von nahezu jedem Ort auf der Welt. Vorausgesetzt, der Akustiker bietet diesen Service an. Dann ist es dem Hörakustiker möglich, Veränderungen an der Hörgeräteeinstellung vorzunehmen und diese seinem Patienten aus der Ferne zur Verfügung zu stellen.

Und hier gibt es Unterschiede.

In der ersten Variante verabreden sich Akustiker und Patient zu einer Online Sitzung. Zu dieser können sie per Videochat kommunizieren. Der Hörakustiker kann offene Fragen beantworten und die Geräteeinstellung in Echtzeit verändern. Er bekommt direktes Feedback durch den Patienten, wie dieser die Veränderung empfindet.

In der zweiten Variante schildert der Patient seine Wünsche per Textnachricht. Der Akustiker hat nun die Möglichkeit, ebenfalls per Nachricht mit dem Patienten zu kommunizieren. Akustiker und Patient können sich zum Video Chat verabreden. Der Unterschied besteht darin, dass der Akustiker die veränderte Einstellung als Datenpaket sendet.

Nun bestimmt der Patienten, wann er diese in sein Hörsystem spielt. Bevor er eine endgültige Entscheidung trifft, hat er die Möglichkeit die Einstellung zu testen.

Diese Art der Tele-Audiologie wird beispielsweise durch GN Resound unterstützt.

Beide Varianten haben eines gemeinsam. Die Erstanpassung der Hörsysteme findet in einem Fachgeschäft statt. Nur eine optimale Erstanpassung ermöglicht eine Fein-Anpassungsphase per Fernwartung.

Objektive Anpassverfahren sollten zur Erstprogrammierung genauso zum Einsatz kommen wie individuelle, auf den Träger abgestimmte Ohrpassstücke.

 

Zweiter Gedanke:

Lässt sich Tele-Audiologie in das Tagesgeschäft einbinden?

Immer wieder ist von Hörakustikern zu hören, dass es ihnen nicht möglich ist, Tele-Audiologie ins Tagesgeschäft einzubinden. Sie verbringen die meiste Zeit des Tages in ihren Anpassräumen. Es bleibt keine Zeit für Online Termine. Zudem erfordern einige Verfahren die regelmäßige Überprüfung der entsprechenden Portale.

Hierzu stellt sich die Frage: Wann wünscht sich der Patient die Veränderung? Möchte er die Veränderung eventuell am Wochenende oder am Abend? Rechnet er mit einer direkten Rückantwort auf seine Anfrage? Könnte das zu Unzufriedenheit führen?

Hier spielt mit großer Wahrscheinlichkeit die vorherige Kommunikation über den Leistungsumfang des Service eine Rolle.

Auf der anderen Seite kann Tele-Audiologie dazu führen, dass Anpasskabinen seltener als bisher belegt sind. Wird der Service zur Regel im Unternehmen, fallen viele Termine vor Ort weg. Hierdurch entstehen freie Zeiten für Online Termine. Diese sind zudem planbar.

Erste Studien zeigen, dass Online Termine weniger Zeit beanspruchen als Sitzungen vor Ort. Gründe hierfür liegen in fehlenden Serviceleistungen: Beispielsweise entfällt das Reinigen der Systeme. Auch “Smalltalk” findet in einem wesentlich geringeren Maße statt.

Bleibt noch die Frage: “Wie vermarktet der Hörakustiker den Service?”

Es gibt unterschiedliche Varianten. Einige Unternehmen bieten den Online Service als Zukauf-Option an. Das heißt, der Patient bezahlt dem Akustiker einen zusätzlichen Betrag um den Service zu nutzen.

In einer seltenen Alternative wird der Online Termin zur Regel gemacht. Wer persönlich kommen möchte, zahlt eine entsprechende Gebühr. (Dieses Prinzip habe ich eher in anderen Ländern kennengelernt).

Die häufigste Variante ist momentan: Tele-Audiometrie wird als kostenloser Zusatzservice des Hörakustikers angeboten.

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Dritter Gedanke:

Gibt es Nachfrage?

Fern-Anpassung ist momentan ein Nischenprodukt. Hörakustiker nutzen es nur selten. Die Nachfrage durch Kunden ist eher gering.

Andererseits ist es die Aufgabe des Akustikers, seine Patienten über den Service zu informieren.

Der irische „Audiology“-Blogger Geoffrey Cooling schreibt in diesem Zusammenhang: „Hörakustiker sind häufig der Fehlannahme, ihre Patienten hätten kein technisches Interesse und somit keinen Bedarf an Services wie Tele-Audiologie.“

Cooling hat die Sorge, das viele Akustiker die größte Veränderung, seit bestehen der Hörakustik-Branche verschlafen, weil sie an diesem Gedanken festhalten.

Er nennt in diesem Zusammenhang die Markteinführung von OTC Hörgeräten. (Mehr dazu findet ihr im “siebten Gedanken”)

Die Rückmeldungen der Akustiker, die den Service aktiv anbieten, sind aber auch durchwachsen.

Sie haben das Gefühl, dass Ihre Patienten Dienstleistungen lieber persönlich in Anspruch nehmen möchten.

Es gibt aber Personenkreise, für die Tele-Audiologie von großen Nutzen ist. Beispielsweise Berufstätige, die viel reisen. Auch in Regionen mit weiteren Entfernungen kann der Service von Vorteil sein.

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Bildquelle: Cochlear

 

Vierter Gedanke:

Ist das Smartphone das richtige Werkzeug?

Warum stelle ich diese Frage? Sind Smartphones doch an allen Orten vertreten. Es kommt aber immer wieder die Nachfrage, warum es keine PC Lösungen gibt. Gerade ältere Hörgeräteträger sind nicht immer Smartphone Nutzer.

Die Problematik bei PCs ist oft die fehlende Hardware. Nicht jeder PC ist in der Lage Bluetooth Signale zu senden. Zudem Verfügen sie in den seltensten Fällen über Schnittstellen, um Hörgeräte direkt zu verbinden.

Außerdem hat man den PC nicht immer dabei. Das Smartphone hingegen bietet alle technischen Voraussetzungen.

 

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Video Chat (Symbol-Beispiel)

Fünfter Gedanke:

Wie schaut es mit dem Datenschutz aus?

Datenschutz ist spätestens seit dem 25. Mai 2018 in aller Munde. Hier trat die neue europäische Datenschutz-Grundverordnung in Kraft.

Nutzen Hörakustiker Tele-Audiologie, ist es an ihnen, zu überprüfen inwieweit sie datenschutzkonform arbeiten. Für Fern-Support ist es erforderlich, Daten in externen Cloud Speichern abzulegen. (Phonak hat hier jüngst eine Kooperation mit Microsoft bekannt gegeben).

Häufig sind die Datenschutzerklärungen der Hörgerätehersteller nicht transparent genug. Datenschutzbeauftragte beklagen, dass beispielsweise nicht ersichtlich ist, welche Daten der Hersteller, zu welchem Zwecke, an welcher Stelle speichert und wie er davon profitiert.

Es gab bereits Fälle, in denen die Datenschutzerklärungen nicht in deutscher Sprache vorlagen. Das ist ebenfalls ein Datenschutzverstoß.

Grundsätzlich gilt es mit den Patienten abzuklären, welche Daten zu welchem Zwecke von ihm erhoben werden.

 

Sechster Gedanke:

Welche Ziele verfolgen Hörgerätehersteller?

Aktuell bieten vier der sechs großen, internationalen Hörgerätehersteller Tele-Audiologie (oder haben diese angekündigt). Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die anderen in diesen Bereich einsteigen.

Was sind die Hintergründe? Banal könnte man das Ganze mit einer Aussage beantworten: Sie machen es, weil sie es können! Und das stimmt ja auch irgendwie. Die technischen Voraussetzungen für Fernwartung sind noch nicht all zu lange gegeben.

Die Hersteller sehen in der Tele-Anpassung einen tollen neuen Zusatznutzen für ihre Kunden. Anfangs war es ein Alleinstellungsmerkmal einzelner Hersteller.

Zudem entwickeln die Hersteller für den Weltmarkt. In anderen Regionen ist es dem Patienten nicht so einfach möglich, seinen Akustiker aufzusuchen. Häufig liegen mehrere Hundert Kilometer zwischen Wohnort und Akustik Studio.

Auf der anderen Seite müssen sich die Firmen den Vorwurf gefallen lassen, das Tele-Audiologie der erste Schritt weg vom Akustik-Fachgeschäft als Zwischenhändler ist. Diese Aussage wird dadurch verschärft, dass das “Retail Geschäft” für Hörgerätehersteller immer interessanter wird. Einige wählen den klassischen Weg. Sie eröffnen und kaufen Fachgeschäfte um ihre Produkte dort direkt an den Patienten zu bringen. Andere nutzen das Internet, um auf Fachgeschäfte mit ihren Produkten “hinzuweisen”.

Gerade der Kundenstamm, der über das Internet auf Akustiker Suche geht, könnte Online Services bevorzugen.

Der Kauf der Geräte könnte in Zukunft über das Internet erfolgen. Die Feinanpassung erfolgt per Fernwartung. Bleibt die Frage offen: “Wie bekommt der Patient das Gerät ans Ohr?”. Für eine Otoplastik und eine objektive Anpassung mit modernen Anpassverfahren wie Insitu Anpassung führt der Weg nicht am Fachmann vorbei. Mit Standard Domes und “Self-Fitting” Verfahren sieht es da schon anders aus.

Andererseits könnte aber auch das Gegenteil der Fall sein. (Siehe: siebter Gedanke)

 

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Siebter Gedanke:

Ist Tele-Audiologie eine Alternative zu OTCs?

Over the Counter Hörgeräte sind momentan in aller Munde. Wir reden hier von Standard Hörgeräten, beziehungsweise Kopfhörern mit “Self Fitting” Funktion. Der Patient erwirbt dieses Produkt direkt beim Anbieter, beispielsweise über das Internet. Mittels einer App und entsprechenden Standard Ohr Anbindungen kann er das “Hörgerät” an seine Ohren anpassen. Hierzu verfügt die App über eine Hörtest Funktion. OTCs kommen bei leichten bis mittelgradigen Hörverlusten zum Einsatz.

Aktuell gibt es diese Produkte nur vereinzelt. Vor allem in Asien und den Vereinigten Staaten. In den nächsten Jahren ist jedoch mit einem wachsenden Markt zu rechnen. In Amerika beispielsweise soll es bis zum Jahr 2020 ein Anforderungsprofil geben, um OTCs als Hörgeräte zu vermarkten.

In Europa werden entsprechende Produkte ab nächstem Jahr erstmals als Hörhilfen zugelassen (Großbritannien). In Deutschland gibt es entsprechende Ansätze im Moment nicht. Geräte mit „Self-Fitting“ Funktion bekommen keine Zulassung als Medizinprodukte.

Unabhängig davon sind Hörsysteme mit Tele-Audiologie Funktion eine gute Alternative. Nach erfolgter Erstanpassung durch den Audiologen können weitere Feinanpassungen über das Smartphone erfolgen. Das erspart dem Patienten Wege zum Akustiker. Er kann, ähnlich wie beim OTC, vieles von daheim erledigen. Mit dem Unterschied, durch einen Fachmann betreut zu sein. Nicht jeder Patient fühlt sich technisch so versiert, Anpassungen eines OTC Hörsystems an die eigene Hörleistung eigenständig vorzunehmen.

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