Hörgeräte mit Multifunktion – Starkey präsentiert Weltneuheit

Es war im Winter des Jahres 2007, als die Firma Apple zu einer Produktpräsentation nach San Francisco einlud. Später am Abend dieses 9. Januars stellte sich heraus, dass die Zuhörer Zeugen einer legendären Keynote wurden. Es war der Beginn einer Revolution.

Steve Jobs, Apple Gründer und damaliger CEO des Unternehmens erklärte in seiner Rede, dass es gelungen sei drei geniale Technologien zu entwickeln:

 

  • Einen Großbild-iPod Musikplayer mit Touchcontrol
  • ein revolutionäres Mobiltelefon
  • ein bahnbrechendes Internet-Kommunikationsgerät

 

Jobs genoss es sichtlich, die Zuhörer auf die Folter zu spannen. Er ließ sich Zeit bis er deutlich machte, dass es sich bei den drei Technologien um ein einzelnes Device handelte.

An diesem Abend wurde das iPhone erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

401b50608df726ae81bc780ff3bf69fa--iphone--iphone-
Steve Jobs präsentiert das Ur-iPhone (Quelle: Apple)

Elf Jahre sind vergangen, seit Apple das Telefon präsentierte, welches die Welt verändern sollte. Benutzten wir bis dahin für jeden technischen Teilbereich weitestgehend eigenständige Devices, verdrängten Smartphones im Laufe der Jahre viele andere Geräte aus dem alltäglichen Nutzen.

Beispielsweise Navigationsgeräte, Musik Player, Wecker und Digitalkameras, um hier nur einige zu nennen. Smartphones wurden zum Schweizer Taschenmesser unter den Mobiltelefonen.

img_20181005_152520

 

Bei Hörgeräten war dies bisher anders. Ihre Aufgabe ist es, Hörverluste auszugleichen. Die Entwicklung spielte sich in erster Linie auf dem audiologischen Sektor ab. Seit einiger Zeit ist jedoch zu beobachten, dass auch Hör-Devices neue Aufgaben und Funktionen bekommen. So ist es seit geraumer Zeit möglich, das Hörgerät als Freisprecheinrichtung und Kopfhörer, in Verbindung mit einem iPhone zu nutzen.

Und dieser Trend entwickelt sich rasend weiter.

 

Starkey präsentiert neue Technik

 

Am 27.08. 2018 fand in Minneapolis ein Launch Event des Hörgeräte Herstellers Starkey statt. Ihr Chefentwickler Achin Bhowmik stellte dem Publikum vier brandneue Ohr-Technologien vor.

 

  • ein Hörgerät mit herausragenden Klangeigenschaften und einer Top Performance
  • einen bahnbrechenden Fitnesstracker für Körper und Geist
  • einen am Ohr getragenen Echtzeit-Übersetzer für 27 Sprachen
  • einen Sturzdetektor mit Notrufsystem
Liviopc
Achin Bhowmik präsentiert das Livio AI (Screenshot: youtube)

In Steve Jobs Manier ließ sich Bhowmik ebenfalls Zeit, bis er die Bombe platzen ließ. Es handelt sich bei den Technologien, wie beim iPhone, um ein einziges Gerät: Das Starkey Livio AI.

 

Dieses möchte ich Euch im Folgenden genauer vorstellen.

 

 

 

Hörgerät:

In erster Linie ist das Starkey Livio AI natürlich ein Hörgerät. Und zwar ein ziemlich Gutes. Es beinhaltet neben bester audiologischer Performance fast alles, was man von aktueller Hör-Technik erwartet. Beispielsweise verfügt das kleine RIC Gerät über die 2.4 GHz Technologie. Die Kopplung streamingfähiger Zusatzgeräte und iPhones ist mit ihnen möglich.

Ein weiteres Highlight ist die künstliche Intelligenz (artifical intelligence) des Gerätes. Es lernt aus dem Nutzungsverhalten des Anwenders und passt sich mit der Zeit immer besser an seine Gewohnheiten an und lernt daraus.

Einziger Wermutstropfen: Bisher ist das Hörsystem nur mit Batterie als Energielieferant erschienen. Ich hoffe für die Zukunft, dass auch alternative Stromversorgungen zur Verfügung stehen werden.

 

Fitnesstracker:

Livio AI verfügt über integrierte Sensoren, um Bewegungen und Aktivitäten des Trägers aufzuzeichnen. Unterschieden wird hier zwischen Schritten, körperlicher Aktivität und allgemeiner Bewegung.

Über die Thrive Plattform ist es dem Nutzer möglich, diese Daten auszuwerten. Informationen zur körperlichen Aktivität findet der Nutzer im Bereich Health Score in der dazugehörigen App. Diese wird in den nächsten Wochen in den App Stores zur
Verfügung stehen.

 

 

Darüber hinaus wertet die App die Hörumgebung der Hörgeräte aus. Im Bereich Brain Score bekommt der Hörgeräteträger Informationen über die tägliche Tragedauer der Hörgeräte, die Komplexität des Höralltags und den Umfang an schwierigen Gesprächssituationen.

In den Auswertungen des “Körper und Geist” Fitness Trackers erhält der Träger Punkte für seine Aktivität. Er kann bis zu 200 Punkte am Tag sammeln. 100 Punkte im Bereich Körper (Body) und 100 Punkte im Bereich Geist (Brain). Hier sind beispielsweise bis zu 40 Punkte erreichbar, wenn man die Geräte mehr als zwölf Stunden am Tag trägt.

Auch für komplexe Hörtage kann der Nutzer bis zu 40 Punkte sammeln.

 

Übersetzer:

Die Livio AI App besitzt als erste Hörsystem App am Markt einen eigenen, integrierten Übersetzer. Dieser ist in der Lage 27 Sprachen in Echtzeit zu übersetzen.

Im ersten Schritt sucht der Nutzer die Sprachen zur Übersetzung aus. Beispielsweise Deutsch (Hörsystemträger) und Spanisch (Gesprächspartner). Spricht er einen Satz in seiner Sprache in das iPhone, zeigt es die Übersetzung direkt auf dem Display an. Der Gesprächspartner kann sie ablesen. Antwortet er nun in seiner Sprache, wird die Übersetzung ebenfalls im Telefondisplay angezeigt. Zudem ist der Text als Audiosignal in eigener Sprache in den Geräten hörbar. Das Ablesen des Displays entfällt für den Hörgeräteträger.

In meinen Augen ist dies ein echter Vorteil für Livio AI Träger. Kommunikation bleibt über Sprachgrenzen hinaus möglich. Leider ist dies zunächst nur in Kombination mit einem iPhone möglich. In Android Geräten wird die Funktion des Streamings noch nicht unterstützt.

 

Notrufsystem:

Eine weitere Weltneuheit ist die App gestützte Notruffunktion. Durch die integrierten Sensoren sind die Systeme in Lage zu erkennen, wenn der Träger fällt. In diesem Fall sendet das Smartphone eine Nachricht an Verwandte oder an eine Hausnotrufzentrale.

 

Fall Detector, USA
Screenshot: Youtube

Da Hörsysteme durchaus häufig in einem älteren Personenkreis zum Einsatz kommen ist dies eine nützliche Funktion. Ich bin gespannt wie sie im Alltag funktioniert.

Es dauert allerdings noch etwas, bis es hier erste Ergebnisse gibt. Während die Hardware bereit für diese Funktion ist, dauert es in der App noch einige Wochen bis der Falldetektor aktivierbar ist.

 

“one more thing”

Steve Jobs war dafür bekannt, kleine aber bahnbrechende Neuerungen in Apple Produkten mit dem Satz “one more thing” anzukündigen. Diese “eine weitere Sache” brachte er meist am Ende der Keynote. Auch hier bediente sich Starkey bei Jobs.

Livio Übersicht funktionen
Screenshot: Youtube

Am Ende der Livio AI Präsentation stellte Starkey die neue “Tipp Funktion” des Hörsystems vor. Durch sie ist es möglich, einfacher mit dem elektronischen Device zu kommunizieren. Waren bisher der Taster am Hörgerät oder eine Fernbedienung notwendig, kamen zuletzt vermehrt Smartphones hierfür zum Einsatz.

Mit der Tipp Funktion wird dies nun nochmals anwenderfreundlicher.

Ein leichtes Doppel-Tippen mit der flachen Hand auf das Hörsystem genügt um Steuerungen am Gerät vorzunehmen.

 

Ein Beispiel:

Der Hörgerätenutzer sitzt in einem Restaurant. Um sein gegenüber besser zu verstehen benutzt er ein externes Mikrofon. Die Audioübertragung findet mittels Bluetooth Technologie statt.

Nun kommt der Kellner und möchte eine Bestellung aufnehmen.

War es bisher nötig das Hörsystem über Taster, Fernbedienung oder per App umzuschalten reicht nun ein kurzer Doppeltipp auf das System. Das Streaming Signal blendet aus, die Mikrofone am System schalten ein.

Genauso ist es beim Fernsehen. Werden Audio-Signale in die Hörsysteme gestreamt, kann die Tippfunktion an den Geräten genutzt werden um zwischen den verschieden Mikrofon-Modi hin und her zu schalten.

Das macht die Bedienung der Hörgeräte deutlich intuitiver.

 

Verfügbarkeit

Mit all den neuen Funktionen und Ideen ist Starkey ein richtig spannendes Produkt gelungen. Ich freue mich schon sehr, es das erste mal in Händen zu halten. Das wird vermutlich auf dem EUHA Kongress in Hannover (16.10. bis 19.10.18) der Fall sein.

Hier wird dann auch zu erfahren sein, wann die Geräte in Deutschland verfügbar sind. Ich vermute, das es sich bis ins Jahr 2019 hinziehen wird. Ich denke, es lohnt sich auf diese Technik zu warten.

Denn vielleicht löst das Starkey Livio AI eine ähnliche Revolution im Hörgerätemarkt aus, wie es seinerzeit das iPhone im Telefon- und Computermarkt getan hat.