Gestern! Heute! Morgen? – Vernetzte Hörsysteme sind die Zukunft

“Gestern”

Ich bin inzwischen seit fast zwanzig Jahren in der Hörakustik tätig. In dieser Zeit habe ich einige Trends kommen und (wieder) gehen sehen.

In der Anfangszeit meiner Ausbildung waren noch die letzten analogen Geräte am Markt erhältlich. Schnell wurden sie komplett durch digitale Geräte ersetzt. Am längsten dauerte es bei Power-Hörgeräten für hochgradig Schwerhörige. Für sie war der Sprung zum digitalen Hörgerät gewaltig.

Neben der audiologischen Weiterentwicklung der Hörgeräte wurde schon immer ein zusätzliches Augenmerk auf Zubehör gelegt.

Immer wieder brachten Hersteller interessante Lösungsansätze, um Kunden Hörsituationen zu optimieren oder ihnen ein zusätzliches “Spielzeug” zur Eingewöhnung zu bieten.

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„historische“ Fernbedienungen verschiedener Hersteller (Foto:R.W.)

Fernbedienungen

Äußerst vielversprechende Ansätze waren hier Fernbedienungen. Der Hörgeräte-Träger kann in gewissem Umfang Veränderungen an seinen Geräten vornehmen, um sie in entsprechenden Situationen anzupassen.

Eine Zeit lang hat ein Hersteller sogar Fernbedienungsfunktionen, integriert in analogen Armbanduhren angeboten.

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Phonak „Remote“ WatchPilot

Audio und Fernsehen

Weitere Ansätze gab es im Bereich der Fernsehton- und Musikübertragung. Gerade in den letzten zehn Jahren haben nahezu alle Hörgerätehersteller Zubehör für diese Situationen veröffentlicht. Die größere Leistungsfähigkeit der Chiptechnologie und die Weiterentwicklungen im Bereich der Funkübertragung, beispielsweise per Bluetooth, bieten entsprechende Möglichkeiten.

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Oticon Epoq mit Streamer (Foto: Oticon)

Telefon

Der dritte große Bereich des Zubehörs liegt in der Übertragung von Telefon-Signalen. Der eingeschränkte Frequenzbereich eines Telefonhörers sowie die Abdichtung des Ohres durch Ohrstücke machen es einigen Hörgeräteträgern, trotz optimaler Hörgeräteversorgung, schwer zu telefonieren.

Gab es in den ersten Jahren vor allem Lösungsansätze über Induktion (spezielle Telefonhörer erzeugen ein magnetisches Signal speziell für Hörgeräte) gab es zuletzt vor allem Nahfunk-Lösungen.

So ist es beispielsweise möglich über einen Funkadapter oder spezielle Telefone, Signale in Stereo an beide Ohren zu übertragen.

 

“Heute”

Dennoch muss man sagen, dass der Zubehörbereich den größeren Teil der Hörgeräteträger nur wenig interessiert. Hohe Preise und zum Teil komplizierte Anwendung sind nur einige Gründe dafür.

Ich kann mich gut erinnern, dass mich das Koppeln von Zubehör manchmal zur Weißglut trieb. Und ich sehe mich hier durchaus als Nerd. Ich möchte nicht wissen, welche Erfahrungen Akustiker mit weniger privatem Technikinteresse während der Kopplung dieser Systeme sammeln mussten.

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Peripheriegeräte verschiedener Hersteller

Es ist ja durchaus möglich, das Akustiker in ihrem Privatleben nicht mit entsprechenden Geräten in Kontakt kommen. Ist die Zahl an Smartphone-Usern auch groß. Nicht jeder nutzt diese Technologie auch privat.

Das Gleiche gilt fürs Fernsehen. Der Stellenwert von TV-Geräten wird geringer. Es ist nicht vorauszusetzen, dass jeder Akustiker die Geräte im Privatleben nutzt.

 

Erfahrungen resultieren aus privatem Interesse

Die nächste Frage ist, inwieweit wir uns in den Details der Technologien auskennen müssen? Ist es für Endverbraucher notwendig ein Smartphone oder Fernseher in allen Details zu verstehen und zu beherrschen, um das Gerät nutzen zu können? Oder sollten Akustiker beispielsweise auch Radio und TV Techniker sein?

Natürlich nicht! Das Wissen zu entsprechenden Geräten wird allerdings häufig aus dem persönlichen Alltag mitgebracht.  

Seit einiger Zeit verändert sich der Markt. Nicht nur in der Akustik. Alle technologischen Bereiche erleben eine Art Revolution. Diese kommt in gewissen Ansätzen der Industrialisierung vor 200 Jahren gleich.

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Hörgerät und Smartphone als Einheit

Überall wo es möglich ist, finden Veränderungen durch die Digitalisierung statt. Einzelbereiche vernetzen sich miteinander. Das bringt zum Teil große Veränderungen in den Märkten.

 

“Morgen?”

Diese Veränderungen stellen meiner Ansicht nach keine Modeerscheinung dar. Sie werden bleiben, entwickeln sich weiter und prägen die nächsten Generationen. Und das in rasantem Tempo.

Ganz aktuell nimmt die Sache erst richtig an Fahrt auf. Was heute noch als Zukunftsvision gilt, kann schon in ein paar Monaten Realität sein.

 

IPhone Konnektivität gehört zum Akustiker-Alltag

Bereits seit vier Jahren gibt es Hörgeräte, die mit iPhones kommunizieren können. Seit einiger Zeit ist es möglich Hörgeräte ins smarte Heimnetzwerk einzubinden. Über Zubehör-Systeme können digitale Sprachassistenten wie Siri oder den Google Assistant genutzt werden.IMG_20171201_112654.jpg

Seit Kurzem sind Geräte mit künstlicher Intelligenz verfügbar. Ebenfalls ist damit zu rechnen, dass Fitness-Tracker-Funktionen und Übersetzer-Tools schon bald in Hörgeräten Einzug erhalten.

Hörsysteme werden den gleichen Leistungsumfang besitzen wie smarte Kopfhörer.

Wenn es dann möglich ist, diese nicht nur mit dem iPhone, sondern auch mit Android Geräten zu nutzen, wird die Nachfrage immens ansteigen. In Deutschland beispielsweise liegt der Anteil an Android Nutzern bei circa 75 Prozent aller Smartphone-User. Ganz aktuell wurden das erste Hörgerät mit voller Android-Anbindung angekündigt.

 

Hörgeräte sind “Hearebles”

Der Markt für Kopfhörer und smarte Wearables, und hier vor allem “Hearables” ist ein Wachstumsmarkt. Die Verkaufszahlen steigen. Und es wird auch für die nächsten Jahre weiteres Wachstum prognostiziert.

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Kopfhörer und Hörgeräte sind “Hearebles”

Zubehör spielt für Hörgeräte eine viel zentralere Rolle als jemals zuvor. Nicht so sehr als Hardware. Vielmehr als digitale Ansätze über die eh vorhandenen Smartphones. Diese verfügen über alle notwendigen Technologien um die meisten Kundenwünsche zu erfüllen.

Hörgeräte und Smartphones werden in Zukunft eine noch stärkere Einheit als sie es zum jetzigen Zeitpunkt schon sind. Sie bieten Menschen mit Hörminderung alle Möglichkeiten, um bei zukünftigen Kommunikationswegen dabei zu bleiben.

Der Punkt, dass die Smartphone-Konnektivität ein “nettes Gimmick” eines Hörgerätes darstellt, ist längst überschritten!

 

Was bringt uns die Vernetzung?

Nun stelle ich mir folgende Frage. Wie geht die Akustik-Branche damit um?

Die Vernetzung von Hörsystemen mit Smartphones ändert das Berufsbild. Hatten bisher vor allem drei Parteien miteinander zu tun (Kunde, Akustiker, Hersteller) werden daraus nun mindestens fünf.

Der Smartphone Hersteller, und damit der Lieferant zusätzlicher Hardware spielt da eine noch entscheidendere Rolle als der Provider. Also Unternehmen wie die Telekom oder Vodafon.

Es ist an der Zeit sich Gedanken darüber zu machen, wer welches Verantwortungsgebiet übernimmt.

Und vor allem stelle ich mir die Frage. Wie ist sichergestellt, dass unsere Kundschaft in Fragen der Vernetzung genauso gut beraten wird wie in audiologischen Fragen?

Meiner Ansicht nach benötigen diese beiden Kernkompetenzen die gleiche Vernetzung, wie sie bei Hörgeräten und Smartphones schon vorhanden ist.

In der Berufsausbildung wurde bereits darauf reagiert. Seit Kurzem vermittelt die AFH (Akademie für Hörakustik) im Zuge der überbetrieblichen Unterweisungen Inhalte zu dem Thema. Aber reicht ein Workshop innerhalb der Berufsausbildung aus? Und wie wird die Weiterbildung gelernter Hörakustiker sichergestellt? Ich hoffen das die nächsten Monate und Jahre Antworten auf die Fragen bringen.

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Phonak WatchPilot und Apple Watch (Series 3)

 

Übrigens: Mit der Apple Watch Series 3 ist es auch heute wieder möglich, ein Hörgerät per Uhr zu steuern.

Irgendwie kommen doch alle Trends wieder…

2 Kommentare zu „Gestern! Heute! Morgen? – Vernetzte Hörsysteme sind die Zukunft

  1. Ich denke, dass in den nächsten 5 bis 10 Jahren die Kunden so weit sein werden, dass sie diese Anbindungen und Vernetzungen selbst in die Hand nehmen. Auch mit dem Thema, dass die Kunden sich die Geräte selber einstellen können, sollte man nicht außer Acht lassen. Die Systeme werden immer anwenderfreundlicher werden und die nachfolgende Generation ist wesentlich technikaffiner eingestellt. Da wird es in unserer Branche wohl eine regelrechte Marktbereinigung geben und viele Akustiker werden aus finaziellen Gründen aufgeben müssen. Traurig, aber anderen Branchen geht es natürlich nicht anders. Die Digitalisierung wird leider viele Opfer mit sich bringen.

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo, ein interessanter Beitrag, der die wichtige Fragen anspricht: Wer ist für das Zubehör „zuständig“. Ich sehe hier eine Chance der Digitalisierung in der Schaffung eines neuen Berufsbildes. Es ist in der Tat für einen Hörakustiker kaum möglich sich neben der Audiologie mit allen Wireless Dingen auf gleichem Niveau zu beschäftigen. Warum diese Fragen nicht „auslagern“ und eigenen Experten überlassen. Natürlich müssen da wichtige Dinge wie die Finanzierung geklärt werden. Auch Kompetenzen sind zu klären. Zum Beispiel darf der „Wirelessexperte“ in die Programmierung eingreifen (z.B. des Telefon-Programmes). Diese Fragen können aber gelöst werden. Vorteile wären neue Arbeitsplätze und ein Mehrwert für die Nutzer von Hörgeräten.
    Auf jeden Fall eine interessante Diskussion

    Gefällt 1 Person

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