Akkutechnik im Hörgerät – Volle Power für den ganzen Tag

400!

Das ist die durchschnittliche Anzahl an Batterien die Hörgeräteträger während der Lebensdauer ihrer Hörgeräte benötigen. Zugrunde liegt hier die beidseitige Nutzung der Hörgeräte über sechs Jahre.

Da wird eine ganze Menge Müll produziert, wenn ihr mich fragt!

 

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400 Batterien werden in sechs Jahren im Schnitt benötigt

Zumindest ist es durch die europäische Richtlinie zu Batterien und Akkumulatoren festgelegt, dass „Inverkehrbringer“ (Händler) von Batterien diese auch wieder zurücknehmen müssen, um sie einem Recycling-Programm zuzuführen. Eine Novellierung der EU-Verordnung ist in den nächsten Jahren zu erwarten. Inwieweit Einweg-Batterien dann noch in Verkehr gebracht werden dürfen ist noch nicht absehbar. Ein ähnliches Ende, wie es die klassische Glühbirne erfuhr, scheint der Batterie vorherbestimmt.

Endverbraucher sind es zudem immer mehr gewöhnt, Produkte mit Akkus zu verwenden. Spätestens mit der Verbreitung von Handys und Smartphones gehören wiederaufladbare Geräte zum Alltag. Und selbst vor Autos, dem deutschen liebsten Kind, macht diese Entwicklung keinen Halt. Fahrzeuge mit Stromantrieb spielen bei Automobilherstellern in den nächsten Jahren eine immer stärkere Rolle.

Im Hörgerätemarkt nimmt die Entwicklung alternativer Stromquellen seit circa 18 Monaten immer mehr an Fahrt auf. So hat erst kürzlich der Erlanger Konzern Sivantos mit dem Signia Pure Charge&Go NX ein weiteres Akku-System auf den Markt gebracht.

Besonders dabei: Es ist das erste, induktiv wiederaufladbare Hörsystem mit Lithium-Ionen Akku und Direct-Streaming Funktion. So lässt sich das Gerät mit einem iPhone oder TV-Adapter koppeln.

Aber auch andere Hörsystem-Hersteller bieten Akku-Lösungen. Im Folgenden möchte ich Euch einen Überblick über die unterschiedlichen Systeme am Markt verschaffen.

 

Lithium / Ionen Akkus (Sonava und Sivantos)*

Zum EUHA-Kongress 2016 stellten die Konzerne Sonava (Phonak und Hansaton) und Sivantos (Signia) erstmals wiederaufladbare Hörgeräte mit fest verbauten Lithium-Ionen Akkus vor. Die Hersteller entschieden sich jedoch für unterschiedliche Ladetechniken. Phonaks Akku-Geräte verfügen über die schnellste Lademöglichkeit per Kontaktladen. Signia hingegen setzt auf das kabellose Laden per Magnetfeld (Induktion).

 

Die Unterschiede

Das komplette Aufladen von zwei Hörgeräten per Kontakt-Ladung benötigt circa drei bis vier Stunden. In einer Induktiv arbeitenden Ladestation rechnet der Hersteller mit etwa fünf bis sechs Stunden Ladezeit. Danach können die Hörgeräte für mindestens 24 Stunden verwendet werden.

Durch einen zusätzlichen Chip im Hörsystem wird zudem Tiefentladen und Überladen des Akkus vermieden. Hierdurch vermindert sich der Memory Effekt des Akkus deutlich. Auch nach sechs Jahren täglicher Nutzung hat er, laut Herstellern, noch über 80 Prozent seiner ursprünglichen Kapazität.

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Cellion PX mit handelsüblicher „Powerbank“

Die Ladestationen verfügen über Schnellladefunktionen. Bereits nach einer halben Stunde am Strom sind die Hörsysteme wieder für bis zu sechs Stunden nutzbar. Und dieser Strom muss nicht einmal direkt aus der Steckdose kommen.

Bei Phonak gibt es einen speziellen Zusatzakku, die sich mit dem Ladecase kombinieren lässt. Signia bietet die Möglichkeit jede handelsübliche Powerbank zu verwenden. Je nach Kapazität kommt man so mehrere Tage bis Wochen ohne Steckdose aus. Phonak verspricht die Kapazität für eine Woche ohne Gang ans Stromnetz. (Die Ladezeit per Powerbank kann von der Ladezeit per Steckdose abweichen).

 

Phonak

…bietet momentan das größte Portfolio an Akku-Systemen. Neben dem RIC-Gerät Audeo B-R haben sie das Power-System Bolero B-PR  im Programm. Ganz aktuell wurde verkündet, dass weitere Geräte kurz vor der Veröffentlichung stehen. So ist in den nächsten Wochen mit Power-RIC-Geräten (Naida B-R), speziellen Kinder Geräten (Sky B-R) und einem Cros System (für einseitig Ertaubte) zu rechnen.

Neben der “klassischen” Ladebox gibt es ein weiteres Mini-Ladegerät im Portfolio.

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Phonak Mini-Ladestation (Bildquelle: Phonak AG)

Phonaks Schwesterfirma Hansaton hat mit dem AQ SHD ebenfalls ein System mit gleicher Akku Technologie im Programm.

 

Signia

… hat nach dem Cellion PX  im Jahr 2016 die neue Geräte-Variante Pure Charge&Go NX auf ihrer neuesten Chip-Plattform präsentiert. Aufgrund der kleineren Bauform und dem damit verbundenen kleineren Akku, ist mit einer täglichen Nutzungszeit von circa 16 Stunden zu rechnen. Hier sind fünf Stunden Streaming-Zeit berücksichtigt.

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Signia Pure Charge&Go NX

Die Schwesterfirma Audioservice hat mit dem Sun Li-Ion ebenfalls ein Akku System im Programm das auf der Cellion-Technologie basiert.

*) der amerikanische Hörgerätehersteller Starkey hat angekündigt, ebenfalls in Kürze ein Lithium/Ionen Akku Gerät auf den Markt zu bringen. Genauere Informationen zum Muse IQ R liegen zum aktuellen Zeitpunkt nicht vor.

 

Silber-Zink Akkus (Z-Power)

Parallel zur Veröffentlichung der Lithium-Ionen Geräte (Phonak und Signia) auf der EUHA 2016 trat das Unternehmen Z Power aus den Vereinigten Staaten in Erscheinung. Sie präsentierten auf dem Kongress einen Akku, der auf Silber-Zink Basis arbeitet. Er hat in Große und Spannung die gleichen Eigenschaften wie eine herkömmliche Hörgeräte-Batterie und kann so, ohne großen Umstand, an Stelle einer Batterie verwendet werden. Lediglich ein optimiertes Batteriefach und der entsprechende Einsatz für die Ladestation sind erforderlich um die Akkus zu nutzen. Der Vorteil: Sollte man mal keinen Akku nutzen wollen kann man stattdessen einfach auf eine Batterie zurückgreifen.

Da auch Hörgerätehersteller diesen Mehrnutzen erkannt haben sind inzwischen eine Vielzahl an Geräten mit Z-Power Ladefunktion verfügbar:

 

Widex: Beyond Z serie

Oticon: OPN mini RIC  Serie

Bernafon: Zerena Serie

Starkey: Muse micro RIC 312 Serie

Unitron: Moxi Fit R Serie, Moxi all sowie Stride M R Serie

Resound: LinX 3D Serie (in einem speziellen Gehäuse, somit nicht nachrüstbar)

 

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Oticon OPN mit Z-Power Ladestation

 

Ein Z-Power Akku hält laut Herstellern zwischen 18 und 22 Stunden und stellt die nötigen “Spannungsspitzen” für Direct-Streaming zur Verfügung. Die Streaming-Zeit von circa zwei Stunden pro Tag ist in der Akkukapazität berücksichtigt. Der Z-Power Akku hat die klassischen, von Akkus bekannten Memory Effekte. So ist davon auszugehen das die Kapazität des Akkus nach etwa 400 Ladezyklen unter 80 Prozent sinkt. Eine Nutzung über den ganzen Tag ist dann nicht mehr sichergestellt und der Akku sollte erneuert werden.

 

Nickel-Metallhydrid Akkus

Die klassische Variante der Hörgeräte-Akkus sind Nickel-Metallhydrid-Zellen. Diese sind schon seit vielen Jahren erhältlich. Aufgrund ihrer Nachteile haben sie sich nie richtig am Markt durchgesetzt. In der heutzutage gängigen 312er Bauform hält ein Akku circa 12 bis 14 Stunden. Sie haben ebenfalls den bekannten Memory Effekt. Nach circa 350 Ladezyklen ist die Kapazität kleiner als 80 Prozent. Der größere 13er Akku hat eine Anfangskapazität von 16 bis 18 Stunden.

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312er Nickel-Metallhydrid Akkus

Zuletzt hat nur noch Signia auf diese Art Akkus gesetzt. Parallel zum Cellion waren Geräte der Primax Serie mit Nickel-Metallhydrid Akku verfügbar. In einer speziellen Ladestation wurden die Akkus in den Hörgeräten per Kontakt aufgeladen. Alternativ können die Geräte mit Batterie betrieben werden.

Früher gab es, beispielsweise beim Hersteller Hansaton, induktiv ladbare Systeme. Die Zielgruppe waren hier vor allem Menschen, die aufgrund motorischer Einschränkungen nicht in der Lage waren, Batterien zu wechseln. Auch das externe Laden von Akkus mittels einer speziellen “Ladekarte” hat sich nicht durchgesetzt.

 

Aussicht

Der Markt beginnt das Thema alternative Stromversorgungen ernst zu nehmen. Meiner Ansicht nach wird die Batterie mittelfristig keine bedeutende Rolle mehr bei Hörgeräten spielen. Momentan sind Akku-Größe und -Preis noch ein Hindernis. In naher Zukunft wird es deutlich kleinere Akkus mit gleicher oder mehr Kapazität geben. Zudem ist schon jetzt erkennbar, dass Hörgerätehersteller andere Ideen verfolgen, Hörgeräte mit Strom zu versorgen. Ich denke, schon dieses Jahr werden erste Hersteller diese neuen Möglichkeiten präsentieren. Ich bin gespannt wie sich diese im Alltag durchsetzen.

Es wäre doch schön, wenn der Berg verbrauchter Batterien in Zukunft deutlich kleiner wird.

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