Besser hören per App – ein Modell für die Zukunft?

Ich habe diesen Blog ins Leben gerufen, um meinen Lesern smarte Hörlösungen für Menschen mit und ohne Hörminderung vorzustellen und näher zu bringen. Eine große Motivation ist die Erkenntnis, dass beide Märkte immer mehr zusammen wachsen. Die Vernetzung von Systemen, beispielsweise über das Internet, bringt viele neue Möglichkeiten. So berichtete ich über smarte Kopfhörer (siehe hier und hier) und Hörgeräte mit Smartphone-Anbindung (siehe hier).

Die immer größere Wichtigkeit der Sprachdienste Apple Siri oder Amazon Alexa und Google Assistant ist ebenfalls ein Thema (siehe hier).

 

 

Verschmelzung der Bereiche

Von Anfang an stellte ich mir die Frage: Wann kommt der Zeitpunkt, der die Verschmelzung der Produkte für gut Hörende und Menschen mit Hörminderung einläutet?

Die Antwort kann ich Euch nun geben: Dieser Zeitpunkt ist jetzt!

Denn seit Kurzem gibt es die ersten Lösungen, von denen sowohl Menschen mit Hörminderung als auch gut Hörende profitieren. Eine davon möchte ich Euch heute vorstellen.

iPhone App zur Verbesserung des Hörens

Ende 2016 hat Apple die smarten kabellosen Kopfhörer AirPods auf den Markt gebracht. Diese bilden die Grundlage, um ein iPhone mit der App “Fennex” des gleichnamigen Schweizer Startups als “Hörgeräte” zu verwenden.

Derzeit steht die Innovation zwar noch am Anfang, CEO Alex Mari hat jedoch noch viel vor: „Wir wollen so nah wie möglich an Gehör-unterstützende Technologien ran“, erklärt er. Aber nicht nur Menschen mit Hörproblemen soll Fennex entgegenkommen. Die App dockt an den Megatrend „Erweiterte Realität“ an. Das Jungunternehmen plant, Menschen ohne jegliche Beschwerden einen erweiterten Gehörsinn zu verschaffen. Die Gadgets sollen Bereiche der mobilen Kommunikation und Echtzeit-Informationsdienste abdecken.

Derzeit funktioniere Fennex jedoch erst wie eine „billige Hörstütze“, so Mari. Die kostenlose App wird jedoch künftig durch weitere Funktionen ergänzt. Diese sollen mit steigender Qualität auch etwas kosten. Fennex gibt an, der einzige Anbieter zu sein, der sein Angebot speziell auf die AirPods zugeschnitten hat. (Quelle:www.pressetext.com)

Weitere Dienste mit einem ähnlichen Angebot zur Hörverbesserung sind die Apps Pentalex – hear it clear und uSound-hearing Assistant . Diese sind sowohl im App Store als auch in Googles Playstore erhältlich.

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Startbildschirm beim ersten Öffnen der App „Fennex“

Ein kurzer Test

Ich habe mir die Fennex App genauer angeschaut und getestet. Meine ersten Eindrücke möchte ich euch im Folgenden schildern.

Hierbei noch eines vorweg. Zum Test habe ich ein iPhone mit meinen „Jabra Elite Sport“-Kopfhörern gekoppelt. Es hat alles gut funktioniert. Inwieweit Unterschiede zu den AirPods bestehen, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten.

Hörtest und Personalisierung

Nach dem ersten Start der App auf dem iPhone beginnt der Hörtest über die gekoppelten Bluetooth-Kopfhörer. Dieser dauert etwa drei Minuten. Stellt hierzu die Telefonlautstärke auf 100%. In 14 “Schritten” findet der beidseitige Hörtest satt. Zuerst sieben Töne auf der rechten Seite, danach sieben auf der linken. Wird ein Ton gehört, genügt ein “tipp” auf das Smartphone-Display zum bestätigen.

Im Anschluss zeigt Fennex eine Übersicht, wie die Testperson in den einzelnen Frequenzen hört. An dieser Stelle ist es möglich, die Messergebnisse zu personalisieren.

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die Hörtest-Funktion der Fennex-App

Anpassen

Die App ermittelt nun eine vorgeschlagene Verstärkung für beide Ohren und aktiviert das iPhone-Mikrofon. Im ersten Moment war ich etwas erschrocken, da das Mikrofon auch die Geräusche des iPhone in der Hand mit übertragt. Das raschelt zum Teil doch extrem. Vor allem, wenn der Finger in die Nähe des Mikrofons kommt.

In der App ist es möglich, die Höreigenschaften an die persönlichen Vorlieben anzupassen. Hierzu hat der Nutzer Einfluss auf die:

– Lautstärke

– Balance zwischen den Ohrteilen

– Störgeräusch-Funktion

– Hoch- und Tiefton Einstellung

Es stehen drei vordefinierte Programme zur Verfügung: „Besprechung“, „Abendessen“ und ”Im Auto”.

 

 

Beim Wechseln des Bildschirms von den “Standardeinstellungen“ auf “Benutzerdefiniert” kann der Nutzer weitere Einstellungen vornehmen. Beispielsweise kann die Kompression (das Verhältnis leiser zu lauter Signale) geändert werden. Zudem steht an dieser Stelle ein “3-Kanal-Equalizer” zur Verfügung.

Das Ergebnis

Der Test der App mit meinen Kopfhörern brachte ein durchwachsenes Ergebnis. Während die Veränderungen gut hörbar sind und ein großer Stellbereich zur Verfügung steht, war es ungewohnt, dass die Schallaufnahme über das iPhone-Mikrofon stattfindet. Hier hätte ich mir gewünscht, zwischen dem iPhone und den Kopfhörer-Mikrofonen wechseln zu können.

Zudem braucht die App zu viel Zeit zur Signalverarbeitung. Das verstärkte Signal ist nicht lippensynchron. Ich schätze, dass der Versatz bei fast zwei Sekunden liegt. Es fiel mir schwer zu sprechen, da ich mich selbst deutlich verstärkt und zeitversetzt gehört habe. Beim Zuhören konnte ich mich hingegen daran gewöhnen. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, über mehrere Stunden so zu hören.

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der Test fand entgegen der Empfehlung nicht mit AirPods statt

Fluch oder Segen?

Ob es sich bei Einführungen solcher Apps um einen Fluch oder einen Segen handelt, kann ich nicht beantworten. Diese Antwort wird uns der Markt in den nächsten Jahren geben. Momentan sind Fennex und vergleichbare Apps noch in den Kinderschuhen. Vom Hörakustiker angepasste Geräte ersetzen sie nicht. Dennoch bieten sie eine äußerst günstige Alternative. AirPods sind für circa 180 Euro erhältlich. Vorausgesetzt, ein iPhone ist vorhanden. Ansonsten summieren sich die Kosten.

Für den einen oder anderen stellen Fennex und Co. eine gute Möglichkeit dar, erste Erfahrungen mit Hör-Verbesserungen zu sammeln. Es stehen ihnen zudem die Vorteile smarter Ohrhörer zur Verfügung.

Einige Nutzer werden vermutlich bei dieser Lösung “hängen” bleiben. Hörgeräte sind für sie eventuell keine Alternative. Dieser Personengruppe sollte bewusst gemacht werden, dass ihre Kopfhörer durch den Hörakustiker individualisierbar sind und Hörgeräte häufig die diskrete Alternative darstellen.

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Hörgerät und smarter Kopfhörer im Größenvergleich

Anderen dient die App als erster Schritt zur Hörgeräteversorgung. Diese Personengruppe wird aller Voraussicht nach die Vorteile seiner smarten Kopfhörer auch in Hörgeräten nutzen wollen. Für sie stehen eine Vielzahl individueller, auf den Träger abgestimmte Lösungen zur Verfügung.

Es bleiben zwei Fragen: Kennen Fennex-Nutzer die Vorteile von Hörgeräten gegenüber Smartphone-Lösungen? Wie finden sie den Weg zu ihrem Hörakustiker vor Ort, um davon zu profitieren?

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