„Talkin‘ ‚bout a generation…“ – Internetnutzung im Alter

Meine Mutter nutzt es, mein Schwiegervater auch: das Internet!

Wie viele andere gehören die beiden zu der Generation, die ohne digitale Medien aufgewachsen ist. Sie haben erst vor ein paar Jahren entschieden, sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Und beide hatten ihre Gründe dafür.

Für meine Mutter war der ausschlaggebende Punkt die anstehende Geburt meines ersten Sohnes. Um das Heranwachsen des Kindes auch aus dem weit entfernten Hamburg mitzuerleben, äußerte sie den Wunsch nach einem Computer. Damals war meine Mutter Anfang sechzig und der einzige Kontakt zu Computern bestand über die Computerkasse ihres Arbeitgebers.

In etwa zur gleichen Zeit wurde auch bei meinem Schwiegervater der Wunsch nach einem Computer laut. Er bekam in seinem Umfeld immer stärker die Vorteile des Internets mit. Allem voran die Möglichkeit, über das Internet Einkäufe zu erledigen.

Mein Schwiegervater und meine Mutter haben den Nutzen des Internets für sich erkannt. Deshalb waren sie bereit, sich in die neue Materie einzuarbeiten. Dass dies nicht selbstverständlich ist, ergab nun eine eine Studie des Telefonkonzerns Telefonica (u.a. O²) in Zusammenarbeit mit der Stiftung Digitale Chancen, die im Sommer veröffentlicht wurde. (Quelle:PDF der Studie & Artikel zur Studie ) .

Die Studie

Die Ergebnisse der Internetstudie zeigen, dass Senioren das Internet als Gewinn für Mobilität und Kontaktpflege sehen. Sie halten sich gerne mit Onlinespielen fit. Allerdings fehlt es ihnen häufig an spezifischer Begleitung, um von den Vorteilen der Digitalisierung zu profitieren.

Innerhalb von elf Monaten wurde mit einer Gruppe von knapp 300 Senioren ein Test durchgeführt. Sie erhielten für einen Zeitraum von acht Wochen einen Tablet-Computer mit einer vorinstallierten SIM Karte, um das Internet überall nutzen zu können. Auf den Tablets waren einige Apps vorinstalliert. Unter anderem Spiele, die aus der analogen Welt bekannt sind. Aber auch Spiele, die es nur digital gibt. Außerdem gab es Navigations- und Kommunikations-Apps.

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mittels eines Tablets erhielten die Tester Zugang zum Internet

Mit Unterstützung durch ein wöchentliches Begleitprogramm haben die 10 bis 15 Personen starken Gruppen ausprobiert, was im Internet für sie „drin“ ist.

Die Ergebnisse überraschen nicht

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Senioren das Internet als Möglichkeit sehen, ihren Alltag länger selbstständig zu bewältigen. Allerdings sieht man in den Ergebnissen auch, dass es große Vorbehalte gegenüber der Sicherheit im Internet gibt. So wird aus Angst vor finanziellem Schaden auf Online-Shopping verzichtet – und das, obwohl die Beschaffung von Waren im Alter eine der größten Hürden für die Selbstständigkeit darstellt.

Ein großer Teil der Befragten nutzt gerne Online-Spiele, um geistig Fit zu bleiben. Spiele liegen auf Platz vier der am häufig genutzten Apps auf den Tablets. Direkt hinter E-Mail-, Fahrplan- und Navigations-Apps.

Die Testpersonen äußerten zudem einen großen Wunsch: Hilfestellung in der Installation von Apps und bei Fragen zur Handhabung digitaler Medien.

Was hat das mit Hör-Gadgets zu tun?

In meinem Berufsalltag als Hörakustiker habe ich häufig Senioren als Kunden. Hier habe ich in den letzten Jahren ähnliche Erfahrungen gesammelt.

Die Hörgeräteanpassung wird immer öfter mit einem apparativen Hörtraining begleitet. Dieses hält den Geist fit und erleichtert zudem die Gewöhnung an das neue Hören. Über ein Trainingsgerät bekommt der Proband verschiedene akustische Signale vorgespielt und muss diese beurteilen und bewerten. Der spielerische Aufbau des Trainings lässt bei den Anwendern einen großen Ansporn erkennen. Sie möchten in den gestellten Aufgaben immer besser werden.

Beim Hörtraining kommen meist spezielle, für das Training konzipierte Testgeräte mit Kopfhörern zum Einsatz. Der Anteil App-gesteuerter Hörtrainings ist hingegen sehr überschaubar. Dabei bringen App-basierte Lösungen einige Vorteile für den Anwender:

  • Senioren erhalten, durch den Hörakustiker begleitet, Zugang zu digitalen Medien.
  • Nutzt man für das Hörtraining ein iPhone oder iPad, können die Audiodaten per Bluetooth-Technologie direkt in die Hörgeräte gestreamt werden.
  • Der lästige, über den Hörgeräten zu tragende Kopfhörer entfällt.
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Symbolbild: Hörtaining übers Smartphone

Technisch wäre ein solches Hörtraining heutzutage leicht umsetzbar. Man könnte es sowohl für Hörgeräteträger als auch für Menschen ohne Hörminderung anbieten. Für sie wäre das Training mit kabellosen Kopfhörern genauso bequem umsetzbar.

Vorteile des direkten Streamings

Der Nutzen eines Smartphones, über das Telefonieren und Nachrichten schreiben hinaus, ist gerade bei Senioren häufig nicht bekannt. Die Angst vor der neuen Technologie führt zu einer ablehnenden Haltung. Dabei bringen Smartphones – gerade in Kombination mit Hörgeräten – große Vorteile für deren Nutzer und ihr Umfeld.

Wie beschrieben sind Smartphones, allen voran das iPhone, in der Lage, Audiodaten in Hörgeräte zu streamen. So ist es möglich, Telefonate freihändig und in Stereo zu führen. Gerade das Telefonieren an belebten Plätzen wird dadurch deutlich erleichtert.

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Smarte Hörgeräte sind in der Lage Audiodaten des iPhones ohne Zusatzgerät zu empfangen

Ein weiterer Vorteil der direkten Audioübertragung ist bei Video-Telefonaten erkennbar. Durch die direkte Weiterleitung der akustischen Informationen in die Hörgeräte wird der Gesprächspartner wieder gut hörbar. Die kleinen Lautsprecher in Smartphones und Tablets bringen nicht immer zufriedenstellende Ergebnisse. So kann der Nutzer, wie am Beispiel meiner Mutter beschrieben, auch über weite Entfernung bei den Liebsten sein.

Hörbücher werden immer beliebter. Durch entsprechende Apps ist es möglichdie gewünschten Bücher aufs Smartphone zu laden. Überträgt man diese nun direkt in seine Hörgeräte, hat man sein Lieblingsbuch immer dabei. Egal ob in der Bahn, im Sommer am See, oder daheim, gemütlich auf dem Sofa.

Nicht zu vergessen sind die Vorteile beim Navigieren. Egal ob im Auto oder bei der Suche zu Fuss. Wenn einem die Navigations-App den Weg direkt in die Ohren “flüstert”, entfallen unnötige Blicke auf das Telefon und man kann sich auf die Umgebung konzentrieren.

Nutzen erkennen

Dies war nur ein kleiner Einblick in die Möglichkeiten von Hörgeräten mit Streaming Funktion. Glücklicherweise sind diese echten Vorteile nicht nur Hörgeräteträgern vorbehalten. Bluetooth-Kopfhörer bieten einen ähnlichen Leistungsumfang.

Für gut Hörende und Menschen mit Hörminderung gilt gleichermaßen: Sie müssen den Nutzen der Gadgets für sich erkennen und die Angst vor der Technologie ablegen. Es ist von Vorteil, jemanden zu haben, der sie an das Thema herangeführt. Idealerweise ist das auch der der Ansprechpartner bei technischen Fragen.

Meine Mutter und mein Schwiegervater kontaktieren mich gerne bei Technik-Fragen. Anderen fehlt eine solche Kontaktperson leider. Es sollte mehr Lösungen geben um (gerade) Senioren den Umgang mit digitalen Medien zu erleichtern und sie in den Anfängen zu unterstützen. Meiner Ansicht nach fehlt es an Lösungen, die auf ältere Menschen zugeschnitten sind, um ihnen den Zugang in die digitale Welt zu ermöglichen.

Ein Kommentar zu „„Talkin‘ ‚bout a generation…“ – Internetnutzung im Alter

  1. Moin Dirk,

    ein super Beitrag zu einem aktuellen Thema. Vielen Dank dafür.
    Du beschreibst die Herausforderung, die insbesondere unseren Berufsstand auf die Probe stellen wird, denn leider erkennen nicht alle Kollegen die Notwendigkeit, Kunden vollumfänglich über genau diese Vorteile zu informieren. Die Beratungsqualität liegt eindeutig beim Hörakustiker – die Chancen, die sich dahinter im Bezug auf besseres Sprachverständnis verbergen erkennen die Konservativen unserer Zunft noch nicht durchgängig.
    Wir arbeiten daran – und auch Dein Blog hilft dabei.

    Grüße aus NRW
    Marc

    PS: es gibt bereits fertige Konzepte, um „Best-Ager“ im Umgang mit smarten Geräten fit zu machen. earcon macht es möglich 😉

    Gefällt 2 Personen

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